Kleiderfabriken, Heimschneider

Hier stellen wir nach und nach ehemalige Heimschneider, Kleiderfabrikanten usw., welche in die Ortsgeschichte eingingen, vor.

In Niedernberg gab es viele Heimschneider, ca. jeder sechste Familienernährer schneiderte damals zuhause für die umliegenden Kleiderfabriken. Durch ihre ehrenamtliche Tätigkeiten gingen einige davon in die Ortsgeschichte ein, wie z.B. Josef Hesbacher (weitere folgen)



Kleiderfabrik Gollas

Damen- und (ab 1980) Herrenkonfektion


   

Die Firma Gollas war ursprünglich in Sulzbach ansässig. Josef Gollas gründete die Firma dort Ende der 1940er Jahre. 1957 baute er den ersten Teil der Kleiderfabrik in Niedernberg an der Römerstraße 28. Am 28. Februar 1958 begann in diesem Flachbau die Produktion (Foto links). Mit dem Bau des dreigeschossigen Gebäudes zur Römerstraße hin, das im September 1962 eingeweiht wurde, kam der komplette Betrieb nach Niedernberg. Später erweiterte man den Gebäudekomplex im hinteren Teil durch einen Querbau (Foto rechts), der nochmals aufgestockt wurde. Hier waren die Musternäherei und im Keller das Stofflager untergebracht. 1983 waren alle Bau- und Umbaumaßnahmen abgeschlossen. Zum Firmengelände (Nordseite) gehörte eine größere Grünanlage.




   

Porträt von Firmengründer Josef Gollas und seiner Gattin Rita.



 

Die Geschwister Wolfgang, Ute und Gernot Gollas (v.li.n.re.)  und auf dem rechten Bild Ute (verh. Imhof), Rita, Josef und Wolfgang Gollas bei einem Ausflug.



  

Kommunionbilder von Gernot (mit Mutter Rita) und Wolfgang Gollas.




   

Prinzenpaar 1966: Gertrud Hans (verh.Pacanek) u. Gernot Gollas (li. Foto NCV). Foto rechts: Wolfgang Gollas mit Frau.



  

Einweihung des dreistöckigen Gebäudes direkt an der Römerstraße durch Pfarrer Eckert im Jahre 1962, rechts der Abriss des Gebäudes im September 2007 (Foto Albert Wagner).




Models führen die Reisekostüme der Olympiateilnehmerinnen der BRD für die Olympiade in Mexico 1968 vor, welche von der Firma Gollas gefertigt wurden. Somit war Niedernberg bei den damaligen Olympischen Spielen gleich doppelt vertreten, siehe auch HN-Modelle weiter unten. Bei der Präsentation in einem Frankfurter Hotel ist viel Prominenz aus Sport und Politik anwesend. Auch Firmengründer Josef Gollas begutachtet den Schaulauf  (Hintergrund, 2.v.re.).


  

Weitere Anzeigen folgen in den nächsten Tagen ....



Die Firma Gollas entwickelte sich zur größten Kleiderfabrik in Niedernberg und zu einer der größten Kleiderfabriken im damaligen Landkreis Obernburg. Ab 1980 wurde neben der Damenkonfektion auch Herrenkonfektion (Jacken) gefertigt, die unter der Bezeichnung „Roman Rothschild“ vertrieben wurde. Seit 1977 verarbeitete die Kleiderfabrik das neuartige Gewebe „Alcantara“, für das sie einige Jahre die alleinige Lizenz in Deutschland hatte. In ihrer Blütezeit beschäftigte sie allein hier in Niedernberg ca. 350 Arbeitnehmer/innen, war somit der größte Arbeitgeber im Ort. Auch Zulieferfirmen und Heimschneider im Spessart waren an der Produktion beteiligt.

Die Söhne Gernot und Wolfgang Gollas übernahmen die Firma im Jahr 1975 von ihrem Vater Josef (gestorben 1980). Nach dem Ableben von Gernot Gollas im Jahr 2000 war Wolfgang Gollas alleiniger Inhaber. Die Damenkonfektion (Kostüme, Mäntel und Jacken) firmierte ursprünglich unter der Bezeichnung „Von Gollas“. Von 1. Juni 2008 bis 30. Juni 2016 befand sich der Firmensitz unter dem Namen „Baronia Fashion“ in Großwallstadt. Am "Wällschter" See (auch Gollas-See genannt) entstand auf dem dortigen Gollas-Grundstück eine Siedlung im Bauhausstil unter dem Slogan "Arbeiten & Wohnen", siehe Main-Echo - Bericht aus dem Jahre 2009 und ein weiterer Bericht von 2012 über die Planung zur Bebauung der dortigen Halbinsel.

Die Produktion lagerte man ab ca. 1980 schrittweise in Billiglohnländer aus, bis sie hier in Niedernberg schließlich völlig eingestellt wurde. In Ringheim entstand ein größeres Lager, in dem die produzierte Ware aus dem Ausland aufgebügelt und kontrolliert wurde, bevor sie in den Verkauf kam. Verwaltung, Versand, Musternäherei und Materiallager blieben weiterhin vor Ort. Im Februar / März 2007 wurde der Firmensitz in Niedernberg ganz aufgelöst. Ende 2007 erfolgte der Abriss sämtlicher Gebäudeteile, siehe auch Foto weiter oben.





  

Im Buch "Kreisspiegel Obernburg/Main" wird in der Ortsbeschreibung über Niedernberg die Kleiderfabrik Gollas thematisiert.




Unter dem Vordach des Haupteingangs stand an Fronleichnam ein Altar für die Prozession. Auch zur Aufstellung von Festzügen und Feierlichkeiten wurde der Platz vor der Fa. Gollas oft genutzt. Wie hier bei einer Sportlehrehrung 1982 (Foto KSC Niedernberg). Heute stehen auf dem Areal des Firmengeländes Wohnhäuser.




 

Zuschnitt und Produktion



 

Albin Reinhard an der Nähmaschine / Produktion (Foto Albert Wagner) und Lorenz Klug bei der Endabnahme.



Weitere Bilder sowie Beschreibungen folgen demnächst



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Damenoberbekleidung Hermann Nebel (HN-Modelle)


Hermann Nebel ging von 1947 bis 1950 bei Johann Nebel in der Römerstraße zur Schneiderlehre. Danach arbeitete er bei dem gebürtigen Niedernberger Leo Klement in Sulzbach. Nach einer weiteren Stelle bei der Firma Rittger in Kleinwallstadt zog es ihn nach München. In der bayerischen Landeshauptstadt sammelte Hermann Nebel in einer renommierten Schneiderei Erfahrungen mit hochwertiger Maßkonfektion und Spezialanfertigungen. Etliche prominente Persönlichkeiten, wie z.B. Max Greger, für die er auch später in Niedernberg fertigte, gehörten zur dortigen Kundschaft. In der Voralpen-Metropole belegte er zudem Zuschneidekurse und bildete sich zum Bekleidungstechniker weiter. 1960 gründete Hermann Nebel seine eigene Firma, die sich zunächst im Erdgeschoss seines Elternhauses in der Hauptstraße 4 befand, zum Schluss schneiderte man dort mit ca. 20 Angestellten. Das Anwesen war der Bauernhof seiner Eltern, mit Misthaufen und freilaufenden Hühnern im Hof. Dieser Zustand war für ihn Nebel auf Dauer nicht befriedigend. Um einen Bauplatz für ein Fabrikgebäude zu schaffen, begann er frühzeitig am Stadtweg Gärten aufzukaufen. Hier entstand das erste Fabrikgebäude, das Ende 1968 eingeweiht wurde, siehe Foto unten rechts. 1976 folgte ein weiterer Bau bzw. die Erweiterung des Fabrikgebäudes zum Stadtweg hin, siehe Foto oben. Viele Einheimische fanden in der Firma Nebel eine Arbeitsstelle. In der besten Zeit waren ca. 90 Leute beschäftigt.

  




2012 wurde der Gebäudekomplex am Stadtweg 6 verkauft. Die seitens der Gemeinde im Jahre 2013 geplante Asylbewerberunterkunft ließ sich nicht umsetzen. In den Jahren 2013/14 wandelte der neue Besitzer die Fabrikräume in moderne Wohnungen und Lofts um, siehe Fotos aus April und Juni 2021.


    




 

Hochzeitsfoto der Eltern Anna (geb. Gehlert) und Karl Nebel. Rechts: Hermann bei der Einschulung im Jahre 1939.


   

Hermann mit der damals typischen Kommunionsmütze, Gebetsbuch und Rosenkranz schaut selbstbewusst in die Kamera. Rechts ein Porträt als Jugendlicher ca. 1950/51. 




Hermann auf die Stempel einer Amtsstube deutend beim Theaterspielen der Sänger. Mit Anton Lebert, Burkard Seitz und Herbert Reinhard (v.li.n.re.), alle (außer B.Seitz) mit angeklebten Schurrbärten.  


 

Bild links: Hermann als "Hahn im Korb"  bei einem Festbesuch zusammen mit Waldemar Reinhard, Irene Herd (geb. Schmitt) und Ida Sauer. Blunaflaschen und steinerne Ederbräu-Maßrüge stehen vor ihnen auf der Festbank. Das rechte Foto entstand im Februar 1960 bei einem Kappenabend im Gasthaus "Zur Krone".


  

Links: Hermann mit Bruder Werner um 1953 vor dem Elternhaus in der unteren Hauptstraße. Rechts: August 1996


Der vielsagende Blick von Hermann an seinem  80. Geburtstag im Juni 2013, als ihn sein Sohn Michael mahnte, er solle doch nicht rauchen. Hermann Nebel verstarb im März 2020 im Alter von 86 Jahren.



  

Im Jahre 1968 fertigte die Fa. Nebel die Olympia-Bekleidung für die Damen der Deutschen Sportjugend zu den Olympischen Spielen in Mexico. Die vier „Original Niedernberger“ Mannequins waren die Näherinnen Waltraud Klement, Walburga Kroth, Angelika Aust und Helga Nebel (v.li.n.re.).  Somit war Niedernberg bei den damaligen Olympischen Spielen gleich doppelt vertreten, siehe auch Kleiderfabrik Gollas, weiter oben.    Alle Bilder per Mausklick vergrößerbar



   

Bis ca. Mitte der 1980er Jahre trug die Konfektionskleidung das Logo „HN Modelle“, danach „Sebastiano“ (in Anlehnung an den Namen des Sohnes Sebastian). Im Jahr 2006 wurde die Hauptproduktion eingestellt. Bis zum Jahr 2012 schneiderte der Sohn Thomas Nebel mit ca. 10 Beschäftigten Maßkonfektion und Vereinskleidung. Leerstehende Räume zum Stadtweg hin wurden an Fremdfirmen, z.B. die Firma Olissimo, die Damenhosen verkaufte, vermietet.2012 wurde das Gebäude verkauft.




Die Kleiderfabrik Nebel nähte in den 1980er Jahrendie langen weißen Ministranten-Gewänder und stiftete diese der Pfarrei. Die Faschingsgruppe der Fa. Nebel beteiligte sich über Jahre hinweg mit ihren selbst gefertigten Kostümen (z.B. "Sultans") am Niedernberger Faschingszug und gewann damit einige Preise, u.a. hier mit den abgebildeten Till Eulenspiegel - Kostümen 1998. Die Die blauen Kostüme der Damenprinzengarde wurden ebenfalls in der Fa. Nebel gefertigt. Auch die roten Blazer der NCV-Damen (siehe unten) rechts wurden unter Sohn Thomas Nebel hergestellt.


   



In unserem Wochenrätsel gilt es seit Januar 2021  Niedernberger Persönlichkeiten, welche in der Öffentlichkeit standen oder einen hohen Bekanntheitsgrad erreichten, sowie historische Ladengeschäfte, Firmen, Salons, Praxen, Wirtshäuser, Handwerksbetriebe etc. zu erraten. Nach Auflösung der jeweiligen Rätsel werden diese Personen mit Kurzbeschreibung und Bildmaterial hier in den Rubriken eingepflegt. 

Wir freuen uns auch über Vorschläge, Anregungen und Übermittlung von Archivmaterial, siehe hier...